Höllentalferner

Gletscherschmelze in Bayern und weltweit: 10 Fakten über schmelzende Gletscher

Gletscher sind für Alpinisten, Hochtouren-Fans und Klimaforscher faszinierende Naturwunder – und sie verschwinden in rasantem Tempo. Besonders die letzten Gletscher der Bayerischen Alpen haben in den letzten Jahrzehnten dramatische Flächen- und Massenverluste erlitten. Seit Beginn der glaziologischen Aufzeichnungen im Jahr 1897 zeigt sich ein klares Bild: Die bayerischen Gletscher schrumpfen, und zwar schneller als je zuvor in der jüngeren Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

Bevor wir tiefer in Details einsteigen, lohnt sich ein kurzer Überblick über die zentralen Aussagen dieses Artikels. So kannst du sofort einschätzen, welche Informationen für dich besonders relevant sind. Die folgenden Punkte fassen die wichtigsten Kernaussagen kurz zusammen.

  • Die bayerischen Gletscher haben in den letzten Jahrzehnten einen Großteil ihrer Fläche und Masse verloren und werden in absehbarer Zeit weitgehend verschwunden sein.
  • Die aktuelle Gletscherschmelze wird vor allem durch den menschengemachten Klimawandel und steigende Durchschnittstemperaturen angetrieben.
  • Weltweit sind Gletscher vom Rückzug betroffen, vom schnell fließenden Sermeq Kujalleq in Grönland bis zum riesigen Antarktischen Eisschild.
  • Die Veränderungen haben spürbare Folgen für Meeresspiegel, Wasserhaushalt, Ökosysteme und Naturgefahren in den Alpen.

Warum schmelzen Gletscher heute so schnell?

Gletscher reagieren sehr empfindlich auf Temperatur- und Niederschlagsänderungen. Schon kleine Verschiebungen im langfristigen Mittel reichen aus, um das Gleichgewicht zwischen Schneezuwachs im Winter und Schmelze im Sommer zu stören. Die heutige Geschwindigkeit des Gletscherrückgangs zeigt, dass dieses Gleichgewicht massiv aus der Balance geraten ist.

Von der „Kleinen Eiszeit“ zur Gletscherschmelze

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren viele Gletscher der Erde auf dem Vormarsch. Der Grund war eine Kälteperiode, die als „Kleine Eiszeit“ bekannt ist. In dieser Zeit waren die Temperaturen über längere Zeiträume hinweg deutlich niedriger als im Durchschnitt der Jahrhunderte davor und danach.

Ausgelöst wurde diese Phase vor allem durch mehrere starken Vulkanausbrüche. Besonders wichtig waren dabei folgende Ereignisse, die das Klima weltweit beeinflusst haben:

  • Zwischen 1783 und 1815 brachen mehrere große Vulkane aus und stießen enorme Mengen an Sulfaten und anderen Gasen in die Atmosphäre aus.
  • Der Vulkan Laki auf Island verursachte mit seinen Schwefel-Aerosolen einen jahrelangen „vulkanischen Winter“ mit gedämpfter Sonneneinstrahlung.
  • Der Ausbruch des Tambora in Indonesien im Jahr 1815 führte 1816 zum „Jahr ohne Sommer“ mit massiven Ernteausfällen.

Diese Abfolge von Ausbrüchen führte zu weltweit unterdurchschnittlich kalten Temperaturen. Für die Gletscher bedeutete das ideale Wachstumsbedingungen. Spuren dieser klimatischen Veränderungen finden sich bis heute in Kunstwerken, etwa in den Landschaftsbildern von William Turner und Caspar David Friedrich, die besonders dramatische Lichtstimmungen und Wetterlagen zeigen.

Vom natürlichen Klimasignal zur menschengemachten Erwärmung

Nach dem Ende der Kleinen Eiszeit normalisierte sich das Klima zunächst wieder. Anschließend setzte jedoch eine Erwärmung ein, die bis heute anhält und sich in den letzten Jahrzehnten deutlich beschleunigt hat. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr ein natürliches Klimasignal, sondern der Einfluss des Menschen.

Die wichtigsten Ursachen dieser Erwärmung hängen mit menschlichen Aktivitäten zusammen. Dazu zählen vor allem folgende Faktoren, die den Treibhauseffekt verstärken:

  • Die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas setzt große Mengen CO₂ frei.
  • Industrie, Verkehr und Landwirtschaft tragen zusätzlich zu steigenden Konzentrationen weiterer Treibhausgase bei.
  • Längere und heißere Sommer sowie mildere Winter sorgen dafür, dass Gletscher mehr Eis verlieren, als sie im Winter wieder aufbauen können.

Damit lässt sich der Zusammenhang klar benennen: Die Gletscherschmelze von heute ist in erster Linie eine Folge der menschengemachten Erwärmung der Atmosphäre. Somit dienen Gletscher als sichtbarer Indikator dafür, wie stark sich das Klima bereits verändert hat.

Gletscher im Wandel der Erdgeschichte

Gletscher haben die Erdoberfläche über Milliarden von Jahren geprägt. Ihre Spuren lassen sich in Form von Moränen, Gletscherschliffen und typischen U-förmigen Tälern an vielen Stellen der Welt erkennen. Die ältesten bekannten Hinweise auf Gletscher stammen aus Südafrika, aus der sogenannten Pongola Supergroup, und sind über 2,9 Milliarden Jahre alt.

Im Verlauf der Erdgeschichte sind Gletscher immer wieder gewachsen und geschrumpft. Eiszeiten und Warmzeiten haben sich abgewechselt, und die Vergletscherung großer Gebiete war nie ein statischer Zustand. Der heutige Rückgang unterscheidet sich jedoch in einem entscheidenden Punkt von vielen früheren Phasen.

Dieser Unterschied liegt vor allem in der Geschwindigkeit der Veränderungen. Die aktuelle Gletscherschmelze vollzieht sich in einer für geologische Maßstäbe extrem kurzen Zeitspanne. Genau dieser schnelle Wandel macht die heutigen Entwicklungen so bemerkenswert und alarmierend.

Gletscherschmelze in den Alpen: Die letzten Gletscher der Bayerischen Alpen

Die bayerischen Gletscher sind im Vergleich zu den großen Eisströmen der West- und Ostalpen klein. Gerade wegen ihrer geringen Größe reagieren sie jedoch besonders schnell auf Klima- und Umwelteinflüsse. Schon wenige warme und trockene Jahre hintereinander können tiefgreifende Veränderungen bewirken.

Wer die Entwicklung der bayerischen Gletscher verfolgt, erhält somit einen besonders sensiblen Indikator für die regionalen Auswirkungen des Klimawandels. Die schnellen Flächen- und Volumenverluste lassen sich vor Ort eindrucksvoll beobachten und dokumentieren. Gleichzeitig verdeutlichen diese Beispiele, was in anderen Gebirgsregionen der Welt in größerem Maßstab geschieht.

Um die Dimensionen besser einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf konkrete Zahlen und Entwicklungen. Im Folgenden werden daher ausgewählte Fakten zu Gletschern in Bayern vorgestellt, die den Wandel besonders anschaulich machen.

5 Fakten über Gletscher in Bayern

Bevor wir uns die letzten Gletscher in Bayern im Detail anschauen, lohnt sich ein Blick auf die gesamten Alpen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Alpengletscher seit der Kleinen Eiszeit rund 57 Prozent ihrer Fläche und etwa 64 Prozent ihres Volumens verloren haben. (nach Reinthaler & Paul 2025)

Die folgenden Fakten konzentrieren sich zunächst ausschließlich auf die letzten Gletscher in Bayern und ihre absehbare Zukunft. Anhand konkreter Beispiele aus den Bayerischen Alpen wird deutlich, wie schnell sich die Eismassen zurückziehen und welche Veränderungen bereits heute sichtbar sind.

1. Watzmanngletscher – der östlichste und am tiefsten gelegene Gletscher Deutschlands

Der Watzmanngletscher liegt am Fuß des Watzmanns in den Berchtesgadener Alpen im äußersten Südosten Bayerns. Er befindet sich im Nationalpark Berchtesgaden und gilt als Symbol für die stark zurückgehende Vergletscherung in dieser Region. Seine Lage macht ihn zum östlichsten Gletscher Deutschlands, und zugleich ist er der am tiefsten gelegene Gletscher der Republik.

Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat der Watzmanngletscher massiv an Fläche und Volumen verloren. Einst bedeckte er eine deutlich größere Fläche und besaß eine klar erkennbare Gletscherzunge, die weit ins Tal hinab reichte. Heute sind nur noch Reste dieser früheren Ausdehnung sichtbar, die sich nahe der Felswände halten.

Die wichtigsten Eckdaten zum Watzmanngletscher lassen sich übersichtlich zusammenfassen:

  • Lage: Nationalpark Berchtesgaden, am Fuß des Watzmanns
  • Höhenlage: Eismassen reichen bis etwa 1.980 Meter Seehöhe hinab
  • Ursprüngliche Fläche: etwa 27,9 Hektar
  • Heutige Fläche: rund 4,8 Hektar (Verlust von über 83 Prozent)
  • Zustand der Gletscherzunge: praktisch nicht mehr vorhanden
  • Prognose: voraussichtlich in zwei bis vier Jahren vollständig verschwunden

Der Watzmanngletscher zeigt eindrücklich, wie schnell kleine Gletscher auf eine fortschreitende Erwärmung reagieren. Sein absehbares Verschwinden macht deutlich, dass sich das Gesicht der Berchtesgadener Alpen in naher Zukunft spürbar verändern wird.

2. Blaueis – einer der nächsten „verlorenen“ Gletscher der Bayerischen Alpen

Das Blaueis liegt unterhalb des 2.608 Meter hohen Hochkalters in den Berchtesgadener Alpen. Es befindet sich in einem Kar, das relativ gut vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt ist. Diese Lage hätte das Potenzial, den Gletscher länger zu erhalten, doch die anhaltende Erwärmung hinterlässt auch hier unübersehbare Spuren.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wies das Blaueis noch eine ausgeprägte Gletscherzunge und spaltenreiche Zonen auf. Diese Merkmale waren Ausdruck einer deutlich stärkeren Fließbewegung des Eises. Heute zeigt sich ein anderes Bild, denn die verbliebene Eisfläche ist deutlich kleiner und kompakter geworden.

Der Blaueis-Gletscher in den Berchtesgadener Alpen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wies das Blaueis noch eine ausgeprägte Gletscherzunge und spaltenreiche Zonen auf, heute ist er deutlich kleiner und kompakter geworden.

Um die Entwicklung des Blaueises greifbar zu machen, helfen einige zentrale Zahlen.

  • Lage: Hochkaltergruppe in den Berchtesgadener Alpen
  • Höhenlage: etwa zwischen 2.361 und 2.165 Metern Seehöhe
  • Historische Form: früher mit ausgeprägter Gletscherzunge und vielen Spalten
  • Flächenverlust: über 79 Prozent der ursprünglichen Fläche verschwunden
  • Volumenverlust: mehr als 4.665.280 Kubikmeter Eis abgeschmolzen
  • Vergleich: das entspricht etwa 2.088 Olympischen Schwimmbecken
  • Prognose: voraussichtlich nur noch maximal etwa zehn Jahre existent

Das Blaueis steht damit exemplarisch für viele kleinere Gletscher, die nur noch als Restflächen vorhanden sind. Trotz seiner geschützten Lage kann auch dieser Gletscher der langfristigen Erwärmung nicht standhalten und wird vermutlich in naher Zukunft vollständig verschwinden.

3. Nördlicher Schneeferner – einst großes Gletschergebiet, heute Restfläche

Der Nördliche Schneeferner liegt auf dem Zugspitzplatt und ist der höchstgelegene Gletscher der Bayerischen Alpen. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe einer langen touristischen Tradition, denn bereits in den 1940er Jahren wurden im Bereich des Gletschers die ersten Skilifte gebaut. Damals bedeckte das Eis noch eine wesentlich größere Fläche.

Zur Zeit der Kleinen Eiszeit war das gesamte Zugspitzplatt eines zusammenhängenden Gletschers, dem Plattachferner, bedeckt. Im Laufe der Zeit zerfiel diese große Eisfläche in mehrere kleineren Bereiche. Aus dem einstigen Plattachferner wurden der Östliche Schneeferner, der Nördliche Schneeferner und der Südliche Schneeferner.

Der nördliche Schneeferner auf dem Zugspitzblatt.
Der Nördliche Schneeferner ist der höchstgelegene Gletscher der Bayerischen Alpen, wird aber innerhalb der nächsten etwa sieben Jahre voraussichtlich vollständig verschwunden sein.

Die Entwicklung des Nördlichen Schneeferners lässt sich an einigen markanten Kennzahlen ablesen.

  • Lage: Zugspitzplatt unterhalb der Zugspitze
  • Besonderheit: höchstgelegener Gletscher der Bayerischen Alpen
  • Historischer Zustand: Teil des früheren Plattachferners
  • Flächenverlust: seit 1892 über 90 Prozent der ursprünglichen Oberfläche verschwunden
  • Heutige Fläche: nur noch rund 15 Hektar
  • Volumenverlust: etwa 33 Millionen Kubikmeter Eis abgeschmolzen
  • Vergleich: entspricht ungefähr 15.000 Olympischen Schwimmbecken
  • Prognose: voraussichtlich innerhalb der nächsten etwa sieben Jahre vollständig verschwunden

Der Nördliche Schneeferner ist ein gut sichtbares Beispiel dafür, wie stark hohe Lagen in den Alpen bereits vom Klimawandel betroffen sind. Trotz seiner Höhe kann der Gletscher die anhaltend hohen Sommertemperaturen nicht ausgleichen.

4. Südlicher Schneeferner – Gletscherstatus aberkannt

Der Südliche Schneeferner hat im Sommer 2022 ein besonders symbolträchtiges Ereignis erlebt. In diesem Jahr wurde ihm offiziell der Status eines Gletschers aberkannt. Damit steht er beispielhaft für Gletscher, die bereits so stark zurückgegangen sind, dass sie die Kriterien eines aktiven Gletschers nicht mehr erfüllen.

Früher war der Südliche Schneeferner ein mächtiger Eisstrom mit einer großen Ausdehnung und beträchtlicher Eisdicke. Heute erinnern nur noch Geländeformen wie Moränenwälle an die einstige Vergletscherung. Für die Zukunft der bayerischen Gletscher ist dieser Fall ein deutliches Signal.

Die Entwicklung des Südlichen Schneeferners lässt sich anhand einiger Zahlen nachvollziehen.

  • Lage: Zugspitzplatt im Bereich der Zugspitze
  • Historische Fläche: etwa 85,5 Hektar im Jahr 1892
  • Maximale Eisdicke: über 60 Meter
  • Heutiger Zustand: Eisfläche so stark geschrumpft, dass kein Gletscherstatus mehr vergeben wird
  • Offizielles Ereignis: Aberkennung des Gletscherstatus im Sommer 2022
  • Bedeutung: Vorgeschmack auf weitgehend eisfreie Hochlagen in den Bayerischen Alpen

Der Südliche Schneeferner zeigt, wie schnell aus einem markanten Gletscher eine eisfreie Landschaft werden kann. Seine Geschichte macht deutlich, dass ähnliche Entwicklungen bei anderen kleinen Gletschern der Region in den nächsten Jahren zu erwarten sind.

5. Höllentalferner – der letzte „echte“ Gletscher der Bayerischen Alpen

Der Höllentalferner liegt im Höllental zu Füßen der Zugspitze und gilt als letzter „echter“ Gletscher der Bayerischen Alpen. Für viele Bergsteiger ist er ein prägender Abschnitt auf dem Weg zur Zugspitze über den Höllentalanstieg. Gleichzeitig ist er ein eindrucksvoller Zeuge für die laufende Erwärmung im Hochgebirge.

Bis heute zeigt der Höllentalferner noch typische Merkmale eines aktiven Gletschers. Dazu gehören Gletscherspalten, eine ausgeprägte Gletscherzunge und eine klar erkennbare Fließbewegung des Eises. Seine Lage in einem tief eingeschnittenen Karkessel schützt ihn etwas vor direkter Sonneneinstrahlung, und im Winter sowie Frühjahr wird er von Lawinenzusatz gespeist.

Der Höllentalgletscher an den Füßen der Zugspitze.
Der Höllentalferner gilt als letzter „echter“ Gletscher der Bayerischen Alpen.

Die Veränderungen des Höllentalferners seit Beginn der Messungen lassen sich gut überblicken.

  • Lage: Höllental unterhalb der Zugspitze
  • Charakter: letzter „echter“ Gletscher der Bayerischen Alpen mit aktiver Fließbewegung
  • Schutzfaktoren: tiefer Karkessel und Speisung durch Lawinen, die bis zu 20 Meter Schnee bringen können
  • Flächenverlust: seit 1950 rund 39 Prozent der Gletscheroberfläche verschwunden
  • Mächtigkeitsverlust: an einzelnen Stellen bis zu 4 Meter weniger Eisdicke pro Sommer
  • Sichtbare Folge: wachsende Randkluft zwischen Gletscher und Felswand am Klettersteig
  • Prognose: vermutlich der am längsten überlebende bayerische Gletscher, aber in den kommenden Jahrzehnten vollständig verschwunden

Der Höllentalferner verdeutlicht, dass selbst relativ geschützte Lagen den langfristigen Klimatrend nicht ausgleichen können. Er wird zwar später verschwinden als andere bayerische Gletscher, kann aber auf Dauer ebenfalls nicht erhalten bleiben.

Können bayerische Gletscher noch wachsen?

Die Frage, ob bayerische Gletscher überhaupt noch wachsen können, lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Grundsätzlich reagieren Gletscher direkt auf das Verhältnis von Schneezuwachs im Winter und Schmelze im Sommer. In besonders schneereichen und eher kühlen Jahren ist eine kurzfristige Zunahme von Fläche oder Mächtigkeit durchaus möglich.

Gerade kleine Gletscher können auf solche witterungsbedingten Schwankungen relativ schnell reagieren. Ein strenger Winter mit viel Neuschnee und ein eher kühler Sommer können an der Oberfläche sichtbare Spuren hinterlassen. In Messreihen tauchen solche Jahre als kurze Phasen positiver Massenbilanzen auf.

Entscheidend für die langfristige Entwicklung ist jedoch der Trend über viele Jahre hinweg. Aus Sicht der Gletscherforschung lassen sich die wichtigsten Punkte dazu knapp zusammenfassen:

  • Kurzfristige Zuwächse sind in schneereichen Wintern durchaus möglich.
  • Kleine Gletscher reagieren besonders schnell auf einzelne Jahre mit außergewöhnlicher Witterung.
  • Langfristig überwiegen aber die Verluste durch anhaltend hohe Temperaturen und häufigere Hitzesommer.
  • Die generelle Entwicklung in den Alpen weist klar auf ein nahezu vollständiges Verschwinden kleiner Gletscher hin.

Damit wird deutlich, dass bayerische Gletscher zwar noch vorübergehend wachsen können, der langfristige Trend aber eindeutig in Richtung Rückzug geht. Einzelne Jahre mit positiven Massenbilanzen ändern nichts daran, dass die meisten dieser Gletscher in absehbarer Zeit vollständig verschwunden sein werden.

5 Fakten zu schmelzenden Gletschern weltweit

Neben den Gletschern der Bayerischen Alpen lohnt sich ein Blick auf andere Regionen der Erde. Dort zeigen sich besonders eindrucksvoll die Extreme der Gletscherdynamik – vom schnellsten bis zum größten oder jüngsten Gletscher. Die folgenden fünf Beispiele machen deutlich, wie vielfältig Gletscher sind und wie unterschiedlich sie auf Klimaveränderungen reagieren.

1. Schnellster Gletscher der Welt – Sermeq Kujalleq, Grönland

Der Sermeq Kujalleq in Grönland gehört zu den schnellsten Gletschern der Welt. Er fließt vom grönländischen Inlandeisschild in Richtung Polarmeer und transportiert gigantische Eismassen in vergleichsweise kurzer Zeit. Damit ist er nicht nur schnell, sondern auch einer der wichtigsten Gletscher im Hinblick auf den Beitrag zum Meeresspiegelanstieg.

Seine Fließgeschwindigkeit ist im Vergleich zu vielen anderen Gletschern außergewöhnlich hoch. Während sich typische Gebirgsgletscher nur wenige hundert Meter pro Jahr talwärts bewegen, erreicht der Sermeq Kujalleq ein Vielfaches davon. Gleichzeitig kalbt er große Eisberge ins Meer, die sich dort weiter auflösen.

Sermeq Kujalleq auf Island
Der Sermeq Kujalleq bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 1,6 Kilometern pro Stunde.

Die wichtigsten Kennzahlen zum Sermeq Kujalleq machen seine Bedeutung deutlich.

  • Lage: Westküste Grönlands, Abfluss des grönländischen Inlandeisschildes
  • Fließgeschwindigkeit: rund 14 Kilometer pro Jahr talwärts
  • Umrechnung: entspricht etwa 1,6 Metern Bewegung pro Stunde
  • Vergleich: schnellste Alpengletscher erreichen höchstens etwa 500 Meter pro Jahr
  • Jährliches Eisvolumen: etwa 48 Kubikkilometer Eis, die ins Meer kalben
  • Relation: entspricht ungefähr dem Dreifachen des Volumens des Aletschgletschers

Der Sermeq Kujalleq zeigt, welche Dimensionen Gletscherschmelze im großen Maßstab erreichen kann. Seine enorme Eisabgabe leistet einen spürbaren Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg und macht deutlich, dass die Veränderungen in den Polargebieten direkte Folgen für Küstenregionen weltweit haben.

2. Jüngster Gletscher – Crater Glacier, Mount St. Helens (USA)

Der Crater Glacier am Mount St. Helens in den USA ist einer der jüngsten Gletscher der Erde. Er entstand nach dem großen Vulkanausbruch im Jahr 1980 im US-Bundesstaat Washington. Trotz seines geringen Alters hat er sich in kurzer Zeit zu einem beachtlichen Gletscher entwickelt.

Seine Entstehung ist eng mit der besonderen Form des Vulkankraters verbunden. Der Gletscher befindet sich in einem weiten, hufeisenförmigen Kessel, der von steilen Bergflanken umgeben ist. Diese Wände schirmen die Sonneneinstrahlung teilweise ab und schaffen ein vergleichsweise schattiges Mikroklima. Zugleich sorgen hohe Niederschlagsmengen für regelmäßigen Schneenachschub.

Crater Glacier, Mount St. Helens (USA)
Der Crater Glacier ist einer der jüngsten Gletscher der Erde und entstand beim Vulkanausbruch des Mount St. Helens im Jahr 1980.

Die wichtigsten Daten zum Crater Glacier geben einen kompakten Überblick.

  • Lage: Krater des Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington
  • Entstehungszeit: nach dem Ausbruch von 1980, Alter rund 40 bis 45 Jahre
  • Höhenlage: etwa 2.000 Meter über dem Meeresspiegel
  • Mächtigkeit: über 300 Meter Eisdicke
  • Länge: rund drei Kilometer
  • Besondere Lage: geschützter, hufeisenförmiger Kessel mit hoher Schneezufuhr
  • Entwicklung: Wachstum verlangsamt sich etwas, Gletscher ist aber weiterhin im Wachstum begriffen

Der Crater Glacier zeigt, dass unter geeigneten Bedingungen auch in der heutigen Zeit neue Gletscher entstehen können. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark seine Entwicklung von der Aktivität des Vulkans abhängt, denn ein erneuter größerer Ausbruch könnte ihn erneut massiv verändern.

3. Ältester Gletscher – Antarktisches Eisschild, Antarktis

Das Antarktische Eisschild ist das größte Eisschild der Erde und bedeckt nahezu den gesamten antarktischen Kontinent. Es spielt eine zentrale Rolle im globalen Klimasystem, da es riesige Mengen an Süßwassereis speichert und die Energiebilanz der Erde maßgeblich beeinflusst. Seine Ausmaße sind beeindruckend und sprengen das, was man von typischen Gebirgsgletschern kennt.

Mit einer Fläche von etwa 12,3 Millionen Quadratkilometern nimmt das Antarktische Eisschild mehr Raum ein als viele Kontinente. An manchen Stellen ist das Eis knapp fünf Kilometer mächtig. Damit ist es nicht nur das größte, sondern auch das dickste Eisschild der Erde. Veränderungen in diesem System haben langfristige Auswirkungen auf Meeresspiegel und Meeresströmungen.

Das Alter des Antarktischen Eisschildes lässt sich mithilfe von Eisbohrkernen bestimmen. Die wichtigsten Erkenntnisse dazu lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen.

Antarktis
Die Antarktis ist mit rund 12,3 Millionen Quadratkilometern der mit weitem Abstand größte Gletscher der Erde.
  • Lage: nahezu gesamter antarktischer Kontinent
  • Fläche: rund 12,3 Millionen Quadratkilometer
  • Maximale Mächtigkeit: knapp fünf Kilometer Eisdicke
  • Altersbestimmung: über Analyse eingeschlossener Gase und Aerosole in Eisbohrkernen
  • Alter: an manchen Stellen etwa 900.000 Jahre
  • Frühere Klimaphasen: vor einigen Millionen Jahren lag der Kontinent in einer subtropischen Klimazone und war von Regenwäldern bedeckt

Das Antarktische Eisschild macht deutlich, über welche Zeiträume sich Klimaveränderungen erstrecken können. Gleichzeitig zeigt der heutige Randrückzug des Eises, dass auch dieses gigantische System auf die aktuelle Erwärmung reagiert.

4. Gletscher, der als nächstes verschwindet – Ghiacciaio Fradusta, Italien

Der Fradusta Gletscher, italienisch Ghiacciaio Fradusta, liegt unterhalb der Cima di Fradusta in den Pala-Dolomiten in Norditalien. Er befindet sich in der Nähe der Stadt Trento und ist ein typischer Vertreter der zahlreichen mittelgroßen Alpengletscher, die in den letzten Jahrzehnten stark an Fläche verloren haben.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit bedeckte der Fradusta eine deutlich größere Eisfläche. Heute ist von dieser Ausdehnung nur noch wenig übrig. Statt einer geschlossenen Gletscherfläche sind mehrere kleine Eisreste zu sehen, die voneinander getrennt und stark ausgedünnt sind. Diese Entwicklung steht stellvertretend für viele Gletscher der Ostalpen.

Die aktuelle Situation und die Prognose für den Fradusta lassen sich klar zusammenfassen.

  • Lage: Pala-Dolomiten in Norditalien, unterhalb der Cima di Fradusta
  • Region: nahe der Stadt Trento
  • Entwicklung: starker Rückgang der Eisfläche in den letzten Jahrzehnten
  • Heutiger Zustand: nur noch wenige, voneinander getrennte Eisreste vorhanden
  • Klimatische Ursache: deutliche Erwärmung im Alpenraum mit häufigeren Hitzesommern
  • Prognose: voraussichtlich bereits im nächsten Sommer vollständig verschwunden

Der Fradusta ist damit ein trauriges Beispiel für Gletscher, die buchstäblich vor den Augen der heutigen Generation verschwinden. Seine Geschichte verdeutlicht, dass ähnliche Entwicklungen auch bei vielen anderen Alpengletschern unmittelbar bevorstehen.

5. Größter Gletscher der Alpen – Aletschgletscher, Schweiz

Der Aletschgletscher im Berner Oberland ist der größte Gletscher der Alpen. Er liegt südlich der Schweizer Hauptstadt Bern und ist einer der bekanntesten Gletscher Europas. Sein mächtiger Eisstrom und die eindrucksvolle Hochgebirgslandschaft machen ihn zu einem weithin sichtbaren Symbol für die Gletscherschmelze.

Mit einer Länge von rund 20 Kilometern und einer Fläche von etwa 78 Quadratkilometern ist der Aletschgletscher in seiner Dimension einzigartig im Alpenraum. An manchen Stellen ist das Eis bis zu 800 Meter mächtig. Er gehört zu den letzten großen Talgletschern der Alpen und nimmt in vielen Statistiken den Spitzenplatz ein.

Trotz seiner Größe reagiert auch der Aletschgletscher auf die Erwärmung der Atmosphäre. Die wichtigsten Aspekte seiner Entwicklung lassen sich in wenigen Punkten darstellen.

Der Aletschgletscher in den Alpen.
Der Aletschgletscher ist der größte Gletscher im Alpenraum.
  • Lage: Berner Oberland, südlich von Bern
  • Länge: etwa 20 Kilometer
  • Fläche: rund 78 Quadratkilometer
  • Mächtigkeit: bis zu 800 Meter Eisdicke
  • Typ: großer Talgletscher und größter Gletscher der Alpen
  • Aktuelle Entwicklung: jährlicher Längenverlust von mindestens rund 50 Metern
  • Prognose: weitere Beschleunigung des Rückzugs in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wahrscheinlich

Der Aletschgletscher zeigt, dass auch große Eismassen nicht stabil bleiben, wenn sich das Klima nachhaltig verändert. Sein fortschreitender Rückzug macht sichtbar, welche Folgen die Gletscherschmelze für das gesamte alpine Landschaftsbild hat.

Was passiert wenn Gletscher schmelzen?

Die Beispiele aus Bayern, den Alpen und der ganzen Welt machen deutlich, dass schmelzende Gletscher längst Realität sind. Es handelt sich nicht um ein fernes Zukunftsszenario, sondern um einen Prozess, der heute beobachtet, vermessen und dokumentiert wird. In vielen Regionen sind die Veränderungen so ausgeprägt, dass sie schon innerhalb eines Menschenlebens deutlich erkennbar sind. Die wichtigsten Folgen der Gletscherschmelze im Überblick:

  • Verschwinden der Gletscher
    • Verlust des Gletscherstatus (z.B. Südlicher Schneeferner)
    • Viele kleinere Gletscher werden in den nächsten Jahren/ Jahrzehnten ganz verschwinden
  • Veränderte Gebirgslandschaften und Naturgefahren
    • Mehr Fels und Schutt statt Eis, neue Seen
    • Höheres Risiko für Felsstürze, Muren und Gletschersee-Ausbrüche
  • Anstieg des Meeresspiegels
    • Schmelzende Gletscher (u.a. Sermeq Kujalleq) tragen messbar zum globalen Meeresspiegelanstieg bei
  • Veränderter Wasserhaushalt
    • Kurzfristig mehr Schmelzwasser
    • Langfristig Gefahr von Wassermangel in Regionen, die stark von Gletscherwasser abhängen
  • Auswirkungen auf Ökosysteme und Menschen
    • Verschiebung und Verlust von Lebensräumen im Hochgebirge
    • Folgen für Tourismus, Infrastruktur und regionale Wirtschaft
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse
    • Eisbohrkerne und Funde aus schmelzendem Eis geben Einblicke in die Klimageschichte
    • Besseres Verständnis der aktuellen Klimaerwärmung

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Bergfreund Max

Ich bin in Garmisch-Partenkirchen als Sohn eines Bergführers und Skilehrers geboren und aufgewachsen. Von klein auf faszinierten mich die Berge meiner Heimat und bald auch darüber hinaus. Spätestens nach meiner Ausbildung zum staatlich geprüften Skilehrer habe ich meine Hobbys zum Beruf gemacht und mich fortan immer intensiver und professioneller mit ihnen auseinandergesetzt. Heute darf ich auf vielfältige Expeditionserfahrungen im Kaukasus, den Anden und dem Himalaya zurückblicken. Als langjähriges Mitglied des Ausbilderteams im Deutschen Skilehrerverband, Skischulleiter und Geschäftsführer von Vivalpin lebe ich für die Berge und ihre schier unendlichen Möglichkeiten als Sportler und Ausbilder.

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