{"id":68894,"date":"2017-08-31T10:09:54","date_gmt":"2017-08-31T08:09:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/von-bergdramen-und-drogenpflanzen-die-entwicklung-des-berg-und-kletterseils\/"},"modified":"2025-12-23T15:31:36","modified_gmt":"2025-12-23T14:31:36","slug":"von-bergdramen-und-drogenpflanzen-die-entwicklung-des-berg-und-kletterseils","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berg-freunde.at\/blog\/von-bergdramen-und-drogenpflanzen-die-entwicklung-des-berg-und-kletterseils\/","title":{"rendered":"Von Bergdramen und Drogenpflanzen: die Entwicklung des Berg- und Kletterseils"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So ein Bergseil ist eine klare und einfache Angelegenheit: zwei oder mehr Leute binden sich daran fest und sichern sich so gegenseitig vor dem Absturz. Oder sie rei\u00dfen sich stattdessen gegenseitig in die Tiefe. Die Alpingeschichte ist voll von Mitrei\u00dfunf\u00e4llen, von denen die meisten weitgehend unbeachtet bleiben. Doch einer hat es daf\u00fcr zu umso gr\u00f6\u00dferer Ber\u00fchmtheit gebracht. Die Rede ist nat\u00fcrlich von der Matterhorn-Erstbesteigung 1865. Ein ersch\u00f6pfter und \u00fcberforderter 19-j\u00e4hriger englischer Lord rutscht im Abstieg aus und zieht drei der anderen Erstbesteiger mit in den Tod, bevor das nagelneue und innovative Manila-Hanfseil aus England unter den von der Reibungshitze brennenden H\u00e4nden des Bergf\u00fchrers Taugwalder Senior rei\u00dft.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Geschichte-Kletterseil-Pete.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Geschichte-Kletterseil-Pete-225x300.jpg\" alt=\"Entwicklung des Berg- und Kletterseils\" class=\"wp-image-35071\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Peter Taugwalder, einer der Erstbesteiger des Matterhorns.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass diese symbolhaften Bilder bis heute die Vorstellungen rund ums Seil und Klettern pr\u00e4gen, kann man an fast jedem Hollywoodstreifen zum Thema \u201eBergsteigen\u201c bestaunen. Hier liegt das Seil noch immer locker um die breiten Schultern des sichernden Helden, der den im freien Fall befindlichen Kameraden mit einer \u201eOberk\u00f6rperbremse\u201c abf\u00e4ngt, die selbst der beste Bergf\u00fchrer wohl h\u00f6chstens noch bei einem kleinen Stolperer des Kunden schaffen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber gut, wer will das Publikum schon mit Bremskr\u00e4ften, Sturzfaktoren oder Reihenschaltungen langweilen. Und wer will es der breiten \u00d6ffentlichkeit ver\u00fcbeln, dass sich das Hauptinteresse nun mal auf filmreife Dramen richtet. Auf zweifelhafte \u201eH\u00f6hepunkte\u201c wie den Seiltod des Toni Kurz 1936 am Eiger oder das durchschnittene Seil von Simon Yates und Joe Simpson 1985 in den peruanischen Anden. Kein Wunder also, dass Seilrisse und Abst\u00fcrze auch Eckpfeiler der Geschichte des <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.at\/kletterseile\/\">Kletterseils<\/a> sind &#8211;&nbsp; in einem ansonsten eher unspektakul\u00e4ren \u201eSeilalltag\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-anfange-im-dunkeln-der-geschichte\">Anf\u00e4nge im Dunkeln der Geschichte<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kletterseil-Geschichte-Mont-Blanc.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kletterseil-Geschichte-Mont-Blanc-225x300.jpg\" alt=\"Entwicklung des Berg- und Kletterseils\" class=\"wp-image-35064\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Durchquerung einer Gletscherspalte am Mont Blanc im Jahre 1862. Seilschaft? Fehlanzeige.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Alltag hat sich seit den allerersten Anf\u00e4ngen kaum ge\u00e4ndert, denn seit eh und je geht es bei der Verwendung des Seils darum, Gegenst\u00e4nde und Menschen entweder zu bewegen oder eben an der Bewegung zu hindern. Dieses simple Prinzip der Kraft\u00fcbertragung ist wom\u00f6glich beim Bau der \u00e4gyptischen Pyramiden zum ersten Mal systematisch und ausgefeilt genutzt worden. Doch wer hat das Seil erstmals zum H\u00f6herkommen an Erhebungen benutzt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht waren es die Alu Kurumbas in S\u00fcdindien, die noch heute mit dicken, selbstgemachten Tauen aus Lianen an bis zu 150 m hohen Felsklippen herumklettern, um den ans\u00e4ssigen Riesenbienen den Honig wegzuangeln. Oder ein anderer der diversen St\u00e4mme und V\u00f6lker, die bei ihren erstaunlichen Kletterk\u00fcnsten teils ebenso erstaunliche Seilkonstruktionen verwenden. Diese bestehen, wie die ersten Bergseile, meist aus Pflanzenfasern, welche auf mehr oder weniger komplexe Weise zun\u00e4chst zu Garn gepresst und gesponnen werden, der dann wiederum umeinander geflochten wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-erster-einsatz-am-berg\">Erster Einsatz am Berg<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den ersten \u201erichtigen\u201c Einsatz am Berg zum Sichern schwieriger Einzelstellen und als Steighilfe bekommt das Seil vermutlich erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert. Zuvor gab es \u2013 abgesehen von Einzelf\u00e4llen wie Petrarcas legend\u00e4rer Erstbesteigung des Mont Ventoux \u2013, so gut wie kein Interesse an Kletterei und Bergsteigerei im heutigen Sinne. Berge wurden \u00e4u\u00dferst selten und aus religi\u00f6sen oder politischen Motiven erstiegen. Mit der \u201eGeburt\u201c des modernen Alpinismus, der Erstbesteigung des Mont Blanc im Jahr 1786, kommt die Wissenschaft als \u201eoffizielles\u201c Motiv hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Seil kommt aber trotz der langen, spaltenreichen Gletscher des Mont Blanc nach wie vor nicht zum Einsatz. Erst bei der Gro\u00dfglockner-Erstbesteigung 14 Jahre sp\u00e4ter wird die Verwendung von fixierten Seilen wohl erstmals ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnt. Ob das wirklich der allererste systematische Einsatz des Bergseils ist, l\u00e4sst sich an dieser Stelle nicht sicher sagen. Daf\u00fcr m\u00fcsste man wohl s\u00e4mtliche Besteigungsdokumentationen jener Zeit durchforsten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-oko-aber-nicht-sicher\">\u201e\u00d6ko\u201c, aber nicht sicher<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kletterseil-Geschichte-Hanfseil.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kletterseil-Geschichte-Hanfseil-300x300.jpg\" alt=\"Entwicklung des Berg- und Kletterseils\" class=\"wp-image-35069\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein klassisches Hanfseil. Richtig \u00f6ko, aber nicht wirklich sicher.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zur fl\u00e4chendeckenden Verwendung der Seile dauert es nochmals viele Jahrzehnte: erst gegen&nbsp;Ende des 19. Jh. beginnen die Bergf\u00fchrer in den Alpen ihre Kunden mit dem Seil zu sichern. Anfang des 20. Jahrhunderts kommen dann die Mauerhaken auf, \u201e<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/kurze-geschichte-des-bergseils-1.17408510\" rel=\"nofollow\"><em>die eine Absicherung der <\/em><\/a><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/kurze-geschichte-des-bergseils-1.17408510\"><em>Kletterer auch im Vorstieg erlauben<\/em><\/a>\u201c. Diese \u201eAbsicherung\u201c ist f\u00fcr die Vorsteiger jedoch nicht viel mehr als ein nervenberuhigendes Placebo, denn das bevorzugte Rohmaterial der Seile ist die Hanffaser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ist zwar rei\u00dffester als anderes Pflanzenmaterial, eignet sich besser f\u00fcr l\u00e4ngere Seile und fault weniger schnell, hat aber dennoch sehr begrenzte \u201etechnische Kapazit\u00e4ten\u201c. Denn auch die Hanfseile faulen irgendwann, oftmals sogar von innen zuerst. Das wird vielen Bergsteigern zum Verh\u00e4ngnis, deren Seile von au\u00dfen noch einen guten optischen Eindruck machten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiterer Nachteil aller pflanzenbasierten Seile ist ihre Anf\u00e4lligkeit gegen die K\u00e4lte, in der sie schnell steif und unhandlich werden. Dass sie au\u00dferdem nicht gen\u00fcgend Seildehnung aufweisen, um eine nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben sichere Fortbewegung in der Seilschaft zu erm\u00f6glichen, d\u00fcrfte auf der Hand liegen. Alternativ gibt es in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jh. noch Seile aus reiner Seide, die allerdings sehr teuer sind und nur geringf\u00fcgig mehr Sicherheit und Funktionalit\u00e4t bieten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-explosion-der-fortschritte\">Explosion der Fortschritte<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Geschichte-Kletterseil-Wanda-Rutkiewicz.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Geschichte-Kletterseil-Wanda-Rutkiewicz-300x225.jpg\" alt=\"Entwicklung des Berg- und Kletterseils\" class=\"wp-image-35066\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wanda Rutkiewicz im Jahre 1968 mit einem modernerem Seil und einer einfachen Torso-Sicherung.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 1940 kommt der technische Durchbruch mit den ersten gedrehten Nylonseilen aus Amerika. Die deutsche Firma Edelrid erfindet 1953 das Kernmantelseil, das bis heute der Industriestandard f\u00fcr alle Bergseile ist. Der Mantel dient dabei als Schutz gegen Abrieb, Feuchtigkeit und UV-Strahlung f\u00fcr den Kern aus in sich verdrehten Polyamidstr\u00e4ngen. Gleichzeitig macht er das Seil griffig und l\u00e4sst es geschmeidig gleiten. Wie so ein Seil entsteht, durften wir uns schon mal <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.at\/blog\/bergfreunde-bei-edelrid\/\">bei Edelrid anschauen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Seilhistorie besteht fortan aus einer immer schnelleren Abfolge von technischen Innovationen, Verfeinerungen und Diversifizierungen. Doppelseile und Zwillingsseile werden erfunden, Impr\u00e4gnierungen kommen ebenso hinzu wie Sicherheitsnormen und Pr\u00fcfsiegel, ohne die kein Seil mehr verkauft werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Siegeszug der Synthetikfasern ist seitdem ungebrochen und wird es weiter bleiben. Die Bergsportgemeinde kann daf\u00fcr dankbar sein, denn nur die Kunststoffe erm\u00f6glichen Touren wie die aufs Matterhorn auch f\u00fcr alpinistische Otto-Normalos zum kalkulierbaren Risiko. Der Hanf hingegen ist fast nur noch als Drogenpflanze bekannt, was durchaus etwas mit dem Aufstieg der erd\u00f6lbasierten chemischen Industrie zu tun hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kletterseil-Geschichte-Modern.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kletterseil-Geschichte-Modern-300x225.jpg\" alt=\"Entwicklung des Berg- und Kletterseils\" class=\"wp-image-35067\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nicht zum Verzehr geeignet: Moderne Kunststoffseile halten widrigsten Bedingungen stand.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ist n\u00e4mlich mit den bis in die Zeit des zweiten Weltkriegs noch preiswerten Naturprodukten (die weit mehr als nur Seile umfassten) eine l\u00e4stige Konkurrenz losgeworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute sorgt die Erw\u00e4hnung von Bergseilen aus Hanf meist f\u00fcr Belustigung, oft begleitet von der leicht d\u00e4mlichen Scherzfrage, ob die Bergsteiger anno dazumal ihre Seile h\u00e4tten rauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja h\u00e4tten sie, aber au\u00dfer veritablen Lungensch\u00e4den w\u00e4re dabei nicht viel herumgekommen. Einen bunten Kiffer-Rausch zwischen Lodenmantel und F\u00fchrerpickel h\u00e4tte es jedenfalls kaum gegeben: der Nutzhanf enthielt wenig bis gar nichts vom berauschenden Wirkstoff THC.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/kletterseile\/\">Kletterseile gibt&#8217;s hier >><\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ein Bergseil ist eine klare und einfache Angelegenheit: zwei oder mehr Leute binden sich daran fest und sichern sich so gegenseitig vor dem Absturz. Oder sie rei\u00dfen sich stattdessen gegenseitig in die Tiefe. Die Alpingeschichte ist voll von Mitrei\u00dfunf\u00e4llen, von denen die meisten weitgehend unbeachtet bleiben. 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