{"id":68723,"date":"2018-01-18T15:43:55","date_gmt":"2018-01-18T13:43:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/eisarten-erkennen-eisqualitaet-beurteilen\/"},"modified":"2023-07-26T15:22:18","modified_gmt":"2023-07-26T13:22:18","slug":"eisarten-erkennen-eisqualitaet-beurteilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berg-freunde.at\/blog\/eisarten-erkennen-eisqualitaet-beurteilen\/","title":{"rendered":"Zapfen, R\u00f6hren, Blumenkohl: Eisarten erkennen und Eisqualit\u00e4t beurteilen"},"content":{"rendered":"\n<p>Unglaublich, an was f\u00fcr Strukturen der Eiskletterer des 21. Jahrhunderts so herumpickelt. Das sieht nicht nur schwer aus, sondern ist es auch. Nicht nur wegen der erforderlichen Athletik oder des scharfen und spitzen Metalls, sondern vor allem auch wegen des Eises selbst. Diese sich st\u00e4ndig in Form und Struktur wandelnde \u201eKletterunterlage\u201c ist ein viel gr\u00f6\u00dferer Risikofaktor als der Fels beim \u201enormalen\u201c Klettern. Da seine Substanz und Struktur stark von der Umgebungstemperatur abh\u00e4ngen, kann es sich fast so schnell ver\u00e4ndern wie das Wetter. Bis man die Kompetenz und die Erfahrung entwickelt hat, um sich hier mit kalkulierbarem Risiko zu bewegen, dauert es eine Weile. <strong>Folgender Artikel \u00fcber Eisarten und Eisqualit\u00e4t ist deshalb nur ein erster Einblick, der keinesfalls als alleinige Grundlage genommen werden darf, um an einem Eisfall einzusteigen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wasser<\/strong> ist in jeder Form, nicht nur der Gefrorenen, ein verdammt komplexes Ding (und nebenbei gesagt auch ein wirklich faszinierendes, doch das soll hier nicht Thema sein). Die fundierte Beurteilung seiner gefrorenen Form ist deshalb eine \u00e4hnlich komplexe Angelegenheit wie die der <strong>Schneequalit\u00e4t und des Lawinenrisikos beim Skitourengehen<\/strong>. Beim eigenst\u00e4ndigen Eisklettern muss man sogar beides drauf haben, denn die meisten kletterbaren Eisf\u00e4lle befinden sich unterhalb von verschneiten alpinen H\u00e4ngen, aus denen sich Lawinen l\u00f6sen und durch den Eisfall fegen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unfall 2006<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen2.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen2.jpg\" alt=\"Eisarten erkennen und Eisqualit\u00e4t beurteilen\" width=\"350\" height=\"264\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Beeindruckende Bilder gibt es beim Eisklettern meist zu bestaunen. Dennoch sollte die Sicherheit nat\u00fcrlich immer an erster Stelle stehen.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Welche Risiken diese Komplexit\u00e4t birgt, wurde sp\u00e4testens 2006 jedem Eisfreund klar. Damals zeigte sich, dass selbst ein mehrfacher Eiskletter-Weltmeister nicht vor t\u00f6dlichen Fehleinsch\u00e4tzungen gefeit ist. Harald Berger, bis dato so etwas wie der Superstar des Eiskletterns, wurde in jenem Jahr <a href=\"https:\/\/www.alpin.de\/home\/news\/3966\/artikel_hari_berger_verunglueckt_toedlich.html\">unter einem Eiskegel begraben<\/a>, an dem er sich gerade im Aufstieg befand:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Hari Berger kletterte an einem Eiskegel, der &#8211; vermutlich durch einen Pickelschlag ausgel\u00f6st &#8211; brach. Der 34-J\u00e4hrige wurde von den Eismassen begraben. Die eilig herbeigerufenen Rettungskr\u00e4fte brauchten mehrere Stunden, um sich mit Motors\u00e4gen und schwerem Ger\u00e4t bis zu dem Toten vorzuarbeiten.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Eiskegel ist eine der charakteristischen Wassereisformen und er \u201ew\u00e4chst\u201c durch herabtropfendes oder -flie\u00dfendes Wasser von unten nach oben. Damit w\u00e4re auch endlich der Bogen geschlagen zum Hauptteil dieses Artikels: der m\u00f6glichst geordneten \u00dcbersicht \u00fcber die <strong>Eisformen<\/strong>, die <strong>Eisarten<\/strong> und deren <strong>Einflussfaktoren<\/strong>. Die Einflussfaktoren stehen am Anfang der Entwicklung, deshalb schauen wir sie uns zuerst an:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-einflusse\">Einfl\u00fcsse<\/h2>\n\n\n\n<p>Der \u00d6sterreichische Alpenverein <a href=\"https:\/\/michaelrathmair.files.wordpress.com\/2013\/09\/eis_mixedklettern_basic.pdf\">unterscheidet 4 Faktoren<\/a> bei der Entstehung von Eisf\u00e4llen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Der <strong>Wassereintrag<\/strong> bestimmt die Grundmasse des Wassereises und sorgt im Falle von Tauwetter f\u00fcr die sogenannte <strong>Hintersp\u00fclung<\/strong>, die wiederum auf die Feuchtigkeit, die H\u00e4rte und die Stabilit\u00e4t einwirkt.<\/li>\n\n\n\n<li>Die <strong>Topografie<\/strong> bestimmt, in welche Himmelsrichtung der Eisfall ausgerichtet ist (Exposition), welche Steilheit er hat und ob er durch Stufen, Vorspr\u00fcnge, o.\u00e4. gegliedert ist.<\/li>\n\n\n\n<li>Das <strong>Wetter<\/strong> und der <strong>Schneeeintrag<\/strong> bestimmen die Gesamtmasse, die Mischung, die Form und Qualit\u00e4t des Eises sowie die tagesaktuellen Verh\u00e4ltnisse.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Temperatur<\/strong>, <strong>Strahlung<\/strong> und <strong>Wind<\/strong> wirken auf Feuchtigkeit, Kompaktheit und Duktilit\u00e4t des Eises ein. Duktili-was? Duktilit\u00e4t: die F\u00e4higkeit, sich plastisch zu verformen ohne zu brechen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Bei diesen Einflussfaktoren ist nicht nur der <strong>Ist-Zustand<\/strong> zu betrachten, sondern auch der <strong>zeitliche Verlauf <\/strong>(dazu mehr im letzten Abschnitt). Besonders wichtig ist nat\u00fcrlich die Temperaturentwicklung. Sie und die anderen Faktoren beeinflussen nicht nur den Zustand des Eisfalls, sondern auch den der dar\u00fcber liegenden H\u00e4nge und des umgebenden Felsgel\u00e4ndes. Das bedeutet, dass neben der bereits erw\u00e4hnten Schneequalit\u00e4t samt Lawinengefahr auch der <strong>Steinschlag<\/strong> als Risikofaktor nicht ausgeblendet werden darf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-eisarten\">Eisarten<\/h2>\n\n\n\n<p>Die eben genannten Faktoren beeinflussen nicht nur Eigenschaften wie Dichte, H\u00e4rte und Duktilit\u00e4t, sondern auch, ob das Eis <strong>R\u00f6hren<\/strong> bildet, <strong>Lufteinschl\u00fcsse<\/strong> enth\u00e4lt, kompakt-feucht oder fragil-trocken ist. Diese Merkmale werden f\u00fcr die Unterscheidung der Eisarten ebenfalls verwendet. Dabei werden die Begriffe \u201eEisarten\u201c und \u201eEisformen\u201c oft synonym verwendet und vermischt abgehandelt. Ich halte sie nicht unbedingt f\u00fcr synonym und versuche deshalb, sie noch etwas \u00fcbersichtlicher \u201eaufzudr\u00f6seln\u201c. Die \u201eEisart\u201c beschreibt dabei die \u201einneren Werte\u201c, w\u00e4hrend die \u201eEisform\u201c die Oberfl\u00e4chen beschreibt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen5.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen5.jpg\" alt=\"Eisarten erkennen und Eisqualit\u00e4t beurteilen\" width=\"350\" height=\"262\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">F\u00fcr sicheres Vorankommen muss man das Eis gut lesen k\u00f6nnen.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Zun\u00e4chst werden in der <strong>gr\u00f6bsten Klassifizierung<\/strong> die Eisarten <strong>Wasserfalleis<\/strong>, <strong>Gletschereis<\/strong> und <strong>Schwarzes (Alt)Eis<\/strong> unterschieden. Da hier eher auf das Klettern an Eisf\u00e4llen und weniger auf das Klettern in Gletscherbr\u00fcchen oder Colouirs abgezielt werden soll, beschr\u00e4nke ich mich auf das Wasserfalleis, welches per Definitionem aus gefrierenden Wasserl\u00e4ufen entsteht. F\u00fcr dessen Feingliederung gibt es mehrere Vorschl\u00e4ge verschiedener Autoren. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gliederung von Eisarten<\/h3>\n\n\n\n<p>Die oben verlinkte \u00dcbersicht \u201eEis- Mixedklettern Basic\u201c des \u00d6sterreichischen Alpenvereins bietet auch hier eine gute Orientierung:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Weiches Eis<\/strong> ist angenehm zu beklettern, erlaubt aber keine wirklich zuverl\u00e4ssigen Sicherungen. Oft handelt es sich hier um kompaktes Eis, das von Wasser \u00fcberflossen und oberfl\u00e4chlich aufgeweicht ist. Sein Aussehen ist meist milchig-wei\u00df.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wei\u00dfes Eis<\/strong> bildet sich durch Temperaturschwankungen aus kompaktem Eis. Die dabei zunehmenden Lufteinschl\u00fcsse machen das Eis milchig wei\u00df. Das Beklettern ist etwas schwieriger als bei Kompakteis. <strong>Wei\u00dfe Einschl\u00fcsse<\/strong> im soliden blauen Eis bestehen meist aus Schnee, der nach Neuschneef\u00e4llen vom nachwachsenden Eis \u00fcberdeckt wurde. Sie k\u00f6nnen schneebrettartig ausbrechen und sind entsprechend gef\u00e4hrlich, wenn die Eisschicht dar\u00fcber noch nicht dick genug ist.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Glasiges Eis<\/strong> ist trocken und spr\u00f6de und entsteht bei sehr niedrigen Temperaturen. Die Oberfl\u00e4che ist geschlossen, durchsichtig, und, im Unterschied zum bl\u00e4ulichen Kompakteis, farblos. Das Beklettern ist i.d.R. anstrengend und technisch anspruchsvoll.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Eisglassuren<\/strong> \u00fcberziehen die von Wasser \u00fcberflossenen Felsstrukturen als relativ d\u00fcnne Eisschichten. Je nach Temperatur sind diese mehr oder weniger gut festgefroren.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte bzw. sollte hier noch das <strong>kompakte Eis<\/strong> erg\u00e4nzen: es ist langsam bei stabilen, nicht zu kalten Temperaturen gewachsen. Es schimmert bl\u00e4ulich und hat die ideale Konsistenz zum Klettern und Sichern. Die Pickelhaue dringt beim Schlag mit angenehmem Widerstand und einem satten, schmatzenden Ger\u00e4usch ein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-eisformen\">Eisformen<\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend man die Art des Eises manchmal erst mit dem ersten Pickelschlag erkennt, ist die Form oft schon von weitem ersichtlich:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen3.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen3.jpg\" alt=\"Eisarten erkennen und Eisqualit\u00e4t beurteilen\" width=\"350\" height=\"263\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gut zu erkennende Eiss\u00e4ule mit Blumenkohleis am unteren Ende.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Zapfen<\/strong>: Wasser tropft von oben herab und bildet wenige oder viele, kleine oder gro\u00dfe Zapfen, die, je nach Bedingungen, mehr oder weniger fest nach oben verwachsen sind. Wenn Tropfwasserstrukturen von unten nach oben wachsen, entstehen <strong>Eiskegel<\/strong>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>S\u00e4ulen<\/strong>: Gro\u00dfe Zapfenstruktur, die aus zun\u00e4chst frei h\u00e4ngenden Zapfen entsteht und mit dem Boden verw\u00e4chst. Sie ist somit oben und unten festgefroren.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>R\u00f6hren<\/strong>: Wachsen die Eiszapfen nach unten zusammen, bilden sich viele kleine S\u00e4ulen aus. Diese Strukturen formieren sich zu R\u00f6hren, die oft an Orgelpfeifen erinnern.<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;<strong>Blumenkohl\u201c:<\/strong> das Eis bildet viele kleine Ausw\u00f6lbungen, die als Ganzes betrachtet an ein gesundes wei\u00dfes Gem\u00fcse erinnern. Sie unachtsam zu beklettern kann allerdings sehr ungesund sein: sie enthalten viele Lufteinschl\u00fcsse und sind nicht unbedingt f\u00fcr besondere Stabilit\u00e4t bekannt. Der Blumenkohl bildet oft die fragile Basis von frei stehenden Eiss\u00e4ulen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-eisqualitat-beurteilen\">Eisqualit\u00e4t beurteilen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Kenntnisse der bisher genannten Eisarten und -formen sind wichtige Bausteine f\u00fcr die Beurteilung des Kletterrisikos. F\u00fcr ein m\u00f6glichst vollst\u00e4ndiges Bild und eine abschlie\u00dfende Beurteilung fehlt noch die Einsch\u00e4tzung der Form und Festigkeit <strong>des Eisfalls als Ganzes<\/strong>. Die einfachste St\u00fctze, auf die man hierf\u00fcr zur\u00fcckgreifen kann, ist die Unterteilung des \u00f6sterreichischen Bergf\u00fchrerverbands nach drei Eisqualit\u00e4ten:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I<\/strong>: gut, kompaktes Wassereis, keine bzw. kaum Lufteinschl\u00fcsse, solide Basis<\/p>\n\n\n\n<p><strong>II<\/strong>: mittel, Wassereis mit max. 20 % Lufteinschl\u00fcssen, keine solide Basis<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III<\/strong>: schlecht, Wassereis mit bis zu 50 % Lufteinschl\u00fcsse, sehr schlechte Basis<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas differenzierter und \u201eganzheitlicher\u201c ist die <strong>f\u00fcnfstufige Typisierung<\/strong> des Innsbrucker Bergf\u00fchrers Paul Mair, die 2003 im Fachmagazin \u201eBerg und Steigen\u201c vorgestellt wurde. Auch deren Grundlage ist denkbar einfach: je <strong>d\u00fcnner<\/strong> ein Eisfall ist und je <strong>weniger Felskontakt<\/strong> er hat, desto leichter bricht er ab oder f\u00e4llt zusammen \u2013 und desto riskanter ist folglich seine Begehung. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mair unterscheidet die <strong>Formklassen F1 bis F5<\/strong> (Abbildungen sind im verlinkten PDF zu sehen):<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Formenklasse-Quelle-Bergundsteigen.at_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Formenklasse-Quelle-Bergundsteigen.at_.jpg\" alt=\"Eisarten erkennen und Eisqualit\u00e4t beurteilen\" width=\"351\" height=\"170\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Formklassen. S bezeichnet den Schwerpunkt. Quelle: bergundsteigen.at<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>F1<\/strong>: Ein relativ flacher, vollst\u00e4ndig aufliegender Eisfall. Die Last (seines Gewichts) wird auf die unterst\u00fctzende Wand \u00fcbertragen. Selbst bei einem Bruch im Eis h\u00e4lt das Gebilde noch in sich zusammen, anstatt gleich einzust\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F2<\/strong>: Ein steil anliegender Eisfall. Die Last wird teils auf die Felswand, teils auf die Basis \u00fcbertragen. Auch hier f\u00fchrt ein Bruch im Eis eher selten zum Einsturz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F3<\/strong>: Ein <strong>teilweise freistehender<\/strong> Eisfall. Die Last wird gr\u00f6\u00dftenteils auf die Basis \u00fcbertragen. Ab dieser Formklasse kann nach einem Temperaturanstieg schnell der gesamte Eisfall brisant werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F4<\/strong>: Eine <strong>vollst\u00e4ndig freistehende<\/strong> S\u00e4ule. Diese Gebilde sind so fragil, dass sie unter Umst\u00e4nden sogar auf Windst\u00f6\u00dfe reagieren! Das Risiko eines pl\u00f6tzlichen Einsturzes ist hier niemals v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F5<\/strong>: Ein <strong>frei h\u00e4ngender<\/strong> Zapfen. S\u00e4mtliche Zugkr\u00e4fte wirken voll auf die obere Kontaktfl\u00e4che ein. Es kommt zu sehr schnellen Reaktionen auf \u00c4nderungen bei Temperatur und Einstrahlung. Das beklettern ist jederzeit riskant. Selbst bei besten Bedingungen sollten sich hier nur sehr erfahrene Eiskletterer heranwagen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">ISM<\/h3>\n\n\n\n<p><span style=\"color: black;\">D<\/span>a das Interesse am Eisklettern ebenso wie das Leistungsniveau nach wie vor steigt, geht die Suche nach genaueren Eisfall-Beurteilungsm\u00f6glichkeiten weiter. So wies uns ein Kollege nach Erscheinen dieses Artikels darauf hin, dass es seit Herbst 2017 noch ein weiteres, wiederum differenzierteres Beurteilungssystem gibt. Auch dieses wurde <span style=\"color: windowtext; text-decoration: none; text-underline: none;\">im Berg &amp; Steigen Magazin vorgestellt<\/span> und h\u00f6rt auf den Namen <b>Ice Selection Method (ISM)<\/b>. Entworfen hat es der Wahl-Tiroler Bergf\u00fchrer und Extremkletterer Albert Leichtfried. Er bezieht neben den nat\u00fcrlichen Einfl\u00fcssen auf die Eisqualit\u00e4t auch den Faktor Mensch ein, da dieser mit seiner Routenwahl und seiner Klettertechnik ebenfalls die Sicherheit und Begehbarkeit eines Eisfalls beeinflusst. Zudem weist Leichtfried mit der n\u00e4chtlichen Abstrahlung und dem Wind auf zwei nat\u00fcrliche Faktoren hin, die sonst weniger beachtet werden. Sie erzeugen beide vor allem Austrocknung, Temperaturgef\u00e4lle und Spannungen im Eis.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ampelmethode nach Leichtfried<\/h3>\n\n\n\n<p>Aus diesen \u00dcberlegungen heraus hat Leichtfried seine mehrstufige \u201eAmpelmethode\u201c entwickelt, die wohl nicht zuf\u00e4llig ein wenig an Werner Munters Reduktionsmethode beim Skibergsteigen erinnert. Dabei werden nacheinander die Faktoren <b>Temperatur<\/b>, <b>Sonneneinstrahlung<\/b> und <b>Eisformation<\/b> betrachtet und mit \u201egr\u00fcn\u201c, \u201eorange\u201c und \u201erot\u201c bewertet. F\u00fcr eine <b>Begehung<\/b> der Route darf nur <b>maximal ein Parameter \u201eorange<\/b>\u201c sein, ansonsten wird verzichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ISM hat damit eine klar und einfach verfolgbare Systematik, kommt aber auch nicht ohne qualitative Kriterien wie den optischen Eindruck beim Faktor \u201eEisformation\u201c aus. Im Gegenteil, dieses nicht quantifizierte Kriterium hat sogar sehr viel Gewicht. Es bleibt also nach wie vor subjektiver Spielraum, der Erfahrung und geschulte Wahrnehmung erfordert. Narrensicherheit in der Beurteilung der Eisqualit\u00e4t gibt es auch mit der ISM nicht (was sicher auch gar nicht die Absicht des Erfinders war) und wird es vermutlich so schnell auch mit der n\u00e4chst feineren Methoden nicht geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zusammenfassung<\/strong>: Schon bei S\u00e4ulen der Kategorie F3 ist gro\u00dfe Skepsis angebracht. Wirklich solide sind sie nur, wenn sie im Verh\u00e4ltnis zu ihrer L\u00e4nge sehr dick, fest mit dem Boden verwachsen sowie frei von \u201eBlumenkohl\u201c und Rissen sind. Generell h\u00e4ngt die Formklasse des Eisfalls wesentlich von der <strong>Form der \u201eGel\u00e4ndeunterlage\u201c<\/strong> ab. Die dichtesten und stabilsten Eisf\u00e4lle sind meist in konkave Gel\u00e4ndestrukturen wie Rinnen und Steilstufen \u201eeingebettet\u201c. Dort herrschen auch die besten Bedingungen f\u00fcr die Entstehung des bl\u00e4ulich schimmernden Kompakteises.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-der-faktor-zeit\">Der Faktor Zeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Anders als der Fels muss der sich st\u00e4ndig wandelnde Eisfall immer wieder&nbsp;neu beurteilt&nbsp;werden. Das kann anspruchsvoll sein, da man die Eistemperaturen im Zeitverlauf ber\u00fccksichtigen muss, wof\u00fcr wiederum Kenntnisse \u00fcber das <strong>Verhalten von Wassereis<\/strong> unter <strong>Einfluss verschiedener Temperaturen<\/strong> erforderlich sind. Einen groben Anhaltspunkt liefert das Verlaufsdiagramm <a href=\"https:\/\/michaelrathmair.files.wordpress.com\/2013\/09\/eis_mixedklettern_basic.pdf\">auf Seite 11 der bereits erw\u00e4hnten Brosch\u00fcre des \u00d6AV<\/a>. Es zeigt den starken Zusammenhang zwischen Temperaturen und Klettereignung eines Eisfalls \u00fcber einen Zeitraum von etwa vier Wochen. Man sieht, dass die Stabilit\u00e4t des Eisfalls vor allem bei schnell<strong> steigenden Temperaturen<\/strong> leidet. Besonders die gelegentlichen warmen F\u00f6hnwinde setzen dem Eis im Alpenraum sehr schnell zu.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Eisqualitaet-beurteilen1.jpg\" alt=\"Eisarten erkennen und Eisqualit\u00e4t beurteilen\" width=\"350\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Einfluss der Temperatur auf die Eisqualit\u00e4t. Quelle: \u00d6sterreichischer Alpenverein.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Aber auch <strong>stark fallende<\/strong> und <strong>sehr niedrige Temperaturen<\/strong> um -15 bis -20\u00b0C sind nicht unbedingt ein Grund zum Jubeln, denn das Eis wird beim Abk\u00fchlen nicht nur dichter, sondern auch spr\u00f6der. Spr\u00f6des Eis ist br\u00fcchig und dadurch ein zweifelhaftes Klettervergn\u00fcgen mit vielen herumfliegenden Splittern. Auch das Absichern ist erschwert, da Eisschrauben das spr\u00f6de Eis zersplittern und schlecht \u201egreifen\u201c. Die besten Verh\u00e4ltnisse, im Diagramm durch Smileys markiert, herrschen bei <strong>l\u00e4nger anhaltenden Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt<\/strong>, idealerweise mit leichtem Antauen tags\u00fcber. Hier kann sich das kompakte und elastische Ideal-Klettereis bilden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lufttemperatur<\/h3>\n\n\n\n<p>Last but not least ist auch zu beachten, dass nur die <strong>Lufttemperatur direkt am Eisfall<\/strong> z\u00e4hlt und diese eine ganz andere sein kann als die im Talort oder am Parkplatz. Hier spielen Hangexposition und&nbsp; Sonneneinstrahlung oder deren Fehlen eine wichtige Rolle. Direkte Sonneneinstrahlung sollte beim Eisklettern in den Alpen \u00fcbrigens gemieden werden, da hier die Lufttemperatur auch im Winter und in der H\u00f6he schnell \u00fcber den Gefrierpunkt steigen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Temperatur- und Zeitfaktor noch besser verstehen will, sollte einen Blick auf <a href=\"https:\/\/www.petzl.com\/de\/Sport\/Untersuchung-der-Stabilitat-von-Eisfallen?ActivityName=Eisklettern\">die<\/a><a href=\"https:\/\/www.petzl.com\/de\/Sport\/Untersuchung-der-Stabilitat-von-Eisfallen?ActivityName=Eisklettern\">se<\/a> <a href=\"https:\/\/www.petzl.com\/DE\/de\/Sport\/Untersuchung-der-Stabilitat-von-Eisfallen?ActivityName=Eisklettern\">Studie vom Institut f\u00fcr Glaziologie der Universit\u00e4t Grenoble<\/a> werfen, in der die Stabilit\u00e4t von Eisf\u00e4llen wissenschaftlich untersucht wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-fazit\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Anf\u00e4ngerfehler, fehlendes Wissen und \u00fcbereilte Schritte beim Sportklettern oder Bergsteigen durchaus mal durch rohe Kraft, puren Willen oder einfach Gl\u00fcck \u201ewettgemacht\u201c werden k\u00f6nnen, ist dies beim Eisfallklettern so gut wie ausgeschlossen. Hier sollte man keine eigenst\u00e4ndigen Unternehmungen starten, bevor man nicht zu 100% alle praktischen und theoretischen Aspekte des Sports verinnerlicht hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unglaublich, an was f\u00fcr Strukturen der Eiskletterer des 21. Jahrhunderts so herumpickelt. Das sieht nicht nur schwer aus, sondern ist es auch. Nicht nur wegen der erforderlichen Athletik oder des scharfen und spitzen Metalls, sondern vor allem auch wegen des Eises selbst. 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